Berliner Journalistenpreis "Der lange Atem 2015" vom JVBB verliehen

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djvJournalistenverband Berlin Bandenburg

Am Dienst, den 24. November 2015, hat der JVBB zum neunten Mal den Berliner Journalistenpreis „Der lange Atem“ verliehen. Die Veranstaltung fand wie in den Vorjahren in der Berliner Akademie der Künste am Pariser Platz statt.

Der President des American German Business Club Berlin, Udo von Massenbach, war an dem denkwürdigen Abend zugegen. Die Rede des Vorsitzenden des DJV Berlin folgt im Anschluss an diesen Bericht .

„Der lange Atem“ zeichnet Journalistinnen und Journalisten aus, die sich besonders beharrlich mit einem gesellschaftlich relevanten Thema befasst haben.

Der Tagesspiegel-Redakteur Jost Müller-Neuhof erhielt den ersten Preis für seinen hartnäckigen Kampf um Akteneinsicht bei staatlichen Institutionen. Die Verleihung durch den Journalistenverband Berlin-Brandenburg JVBB fand am Abend vor 250 Gästen aus Medien, Politik, Wirtschaft und Kultur statt.

Der zweite Preis ging an Hajo Seppelt für seine außerordentlichen Recherchen zu „Doping in der Leichtathletik“. Seine Dokumentarfilme in der ARD führten kürzlich zur Suspendierung des russischen Leichtathletikverbandes durch den Weltverband. Mit dem dritten Preis wurden Jörg Göbel und Christian Rohde (Frontal21/ZDF) für ihre langjährige Verfolgung des Themas „Missstände in der deutschen Lebensmittelproduktion“ ausgezeichnet.

Die Preise in Form künstlerisch gestalteter gläserner Skulpturen wurden vom JVBB zum neunten Mal vergeben. Sie sind außerdem mit 3.000, 2.000 und 1.000 Euro dotiert. Der unabhängigen Jury unter dem Vorsitz von Dagmar Engel (Deutsche Welle) gehören acht prominente Journalistinnen und Journalisten an. Als Ehrengast nahm mit einem Grußwort Berlins Bürgermeisterin Dilek Kolat teil.

In der Laudatio von Christoph Schwennicke (Cicero) heißt es über den Träger des ersten Preises: „Jost Müller-Neuhof macht sich scheinbar in erster Linie um die Pressefreiheit und unser Rechercherecht als Journalisten verdient. In Wahrheit aber macht er sich um das informationelle Wohl der Allgemeinheit, aller Bürgerinnen und Bürger, verdient. Und damit um einen wesentlichen Kern unserer Demokratie, unserer offenen Gesellschaft.“  

Der zweite Preisträger, Hajo Seppelt, wurde von Stephan-Andreas Casdorff (Der Tagesspiegel) gewürdigt: „Wer dreimal nominiert war für den ‚Langen Atem‘, weil er immer wieder neues Material recherchiert, das sogar die Welt bewegt - der hat fraglos die Ausdauer, die einen herausragenden Journalisten auszeichnet. Und hat ganz gewiss den Preis verdient.“

Zu den Trägern des dritten Preises, Jörg Göbel und Christian Rohde, sagte Laudatorin Jutta Kramm (Berliner Zeitung): „Die Preisträger zwingen uns hinzuschauen. In drastischen Bildern  beleuchten sie die skandalösen und oft rechtswidrigen Zustände in der deutschen Agrarindustrie. Sie schonen uns Zuschauer nicht – nicht mit den Bildern und auch nicht mit ihren Ansprüchen. Sie verderben uns den Appetit. Es ist beharrlicher Journalismus. Investigativ, zäh, unaufgeregt und aufrüttelnd zugleich.“ 

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Alexander Fritsch
Journalist
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Verehrte Damen und verehrte Herren,

willkommen bei der Lügenpresse.

Wir haben Sie natürlich nicht umsonst ausgerechnet heute zu diesem Festakt geladen. Freunde des feinen Humor haben das sicher gemerkt: Denn genau heute vor 129 Jahren wurde passenderweise Carlo Collordi geboren: italienischer Schriftsteller und Schöpfer von – Pinocchio.

44 Prozent der Deutschen glauben den deutschen Medien und uns Journalisten nicht. Das hat Forsa in einer ziemlich großen, in jedem Fall repräsentativen Umfrage herausgefunden. 44 Prozent, fast jeder Zweite. Dafür sind wir in der Branche erstaunlich gelassen.

Vielleicht liegt das daran, dass wir in der Rangliste der glaubwürdigsten Berufe traditionell weit hinten liegen – irgendwo bei den Politikern und den Gebrauchtwagenhändlern. Vielleicht liegt es daran, dass – seien wir ehrlich – Selbstkritik keine Kernkompetenz des deutschen Journalisten ist. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass wir ein bisschen mit den Füßen in der Wolke stehen und etwas blind dafür sind, wie ernst die Lage tatsächlich ist.

„Für Alarmismus gibt es keinen Grund“, erklärt mein Berufsverband. Das mag sein – für Alarm aber schon. Man stelle sich mal vor, ein Meinungsforschungsinstitut würde herausfinden, dass die Hälfte der Deutschen kein Vertrauen in deutsche Autos mehr hätte. Was dann in der Industrie los wäre...

Und wir erleben gerade genau das: Eine massive Branchenkrise – nicht weniger.

Wir Journalisten beschreiben gerne, wie sich Politiker vom Volk entfernen. Wir beschreiben ungerne, wie wir selbst uns von unserem Publikum entfernen. Der Kommunikationspapst Paul Watzlawick lehrt: „Wenn Du ein Kommunikationsproblem mit jemandem hast, dann bist Du die Hälfte davon.“

Wenn wir Journalisten ein Problem mit unserem Publikum haben, dann sind wir die Hälfte davon. Der Dünkel, mit dem wir zu oft unseren Zuschauern, Hörern und Lesern gegenüber treten, hilft nicht dabei, den Vertrauensgraben wieder zuzuschütten, der sich da aufgetan hat. Was die Glaubwürdigkeitskrise der Medien angeht, sind wir Journalisten keine Unschuldsengel.

Aber wir sind nur die Hälfte des Problems. Die andere Hälfte ist der Staat.

Das Umweltbundesamt brandmarkt in einer mit Steuergeldern finanzierten Publikation

Journalisten, die Interviews mit Wissenschaftlern geführt haben, die dem Umweltbundesamt nicht passen. In Sachsen werden Journalisten von der Justiz erbarmungslos gejagt, nur weil sie einen unfassbaren Skandalsumpf aufdecken. Der Bundestag beschließt trotz heftigster Warnungen ein Gesetz, das Journalisten permanent dem Vorwurf der Datenhehlerei aussetzt. Und nicht im Jahr 1915 im Kaiserreich, sondern im Jahr 2015 in der Bundesrepublik Deutschland werden Journalisten wegen Landesverrat verfolgt.

Im dritten Teil des „Wallenstein“ lässt Schiller seinen Helden sagen: „Es gibt keinen Zufall.“

Das Misstrauen der Menschen gegenüber dem Journalismus erreicht genau im selben Moment einen neuen Höhepunkt, in dem die Missachtung von Journalisten durch den Staat so ungefiltert durchschlägt wie seit dem Krieg nicht mehr.

„Es gibt keinen Zufall.“

Deutsche TV-Sender schicken Journalisten plötzlich mit Personenschützern auf Demonstrationen – aber nicht in Ägypten oder im Irak, sondern in Leipzig und Dresden. Da fordern Bonsai-Hirne in ein und demselben Moment das Grundrecht der Versammlungsfreiheit ein – und treten das Grundrecht der Pressefreiheit mit Füßen, teilweise buchstäblich. Und die Staatsorgane schützen das eine Grundrecht – aber das andere nicht.

„Es gibt keinen Zufall.“

Journalisten werden heute von Politikern, Staatsanwälten und leitenden Beamten geradezu erbärmlich geringgeschätzt und missachtet. Der Verfassungsschutz-Chef startet einen beispiellosen Frontalangriff auf die Pressefreiheit. Und plötzlich fühlt sich auch jeder undemokratische Alu-Hut in dieser Republik dazu aufgerufen, auf Journalisten einzuprügeln.

„Es gibt keinen Zufall.“

Als Journalist weiß man heute manchmal nicht mehr, vor wem man sich mehr fürchten soll:

vor Feinden der Pressefreiheit auf der Straße – oder vor Feinden der Pressefreiheit im Staatsdienst. Für Journalisten ist der Verfassungsschutz mittlerweile die Fortsetzung von PEGIDA mit anderen Mitteln.

Das könnte einem Angst machen. Könnte.

Der serbische Journalist Aleksandar Rodic hat vor wenigen Tagen einen bemerkenswerten Zeitungsbeitrag an die Journalisten geschrieben: "Liebe Kollegen in allen Medien", schreibt er. "Ich fordere Sie auf, sich von der Angst zu befreien. Denn nur so können wir Journalisten werden. Dort, wo die Angst aufhört, fängt der Journalismus an."

Dieser Abend heute Abend ist Kolleginnen und Kollegen gewidmet, die sich keine Angst machen lassen: nicht vom Verfassungsschutz, nicht von der Straße, nicht von Profi-Vertuschern – und auch nicht von den eigenen Redaktionsleitungen.

Ich bin jetzt ein Jahrzehnt ehrenamtlicher Gewerkschaftsfunktionär. Das ist ein Jahrzehnt voller Sitzungen, Verhandlungen und auch Frustrationen. Da gibt es natürlich öfter mal Momente, in denen man sich fragt: Warum machst Du das eigentlich? Und dann kommt man hierher: Man sieht die früheren Preisträger und die neu Nominierten – und dann fällt es einem wieder ein. Damit diese Kolleginnen und Kollegen – und all die anderen – weiter ihre Arbeit tun können: Dafür machen wir das.

Ich möchte mich zum Schluss bedanken bei denen, die dabei mitmachen und die diesen Preis überhaupt ermöglichen: bei den Mitgliedern der Jury, die das kostenlos und in ihrer Freizeit tun; bei den wirklich selbstlosen Helfern, die uns hier immer wieder unermüdlich unterstützen; bei den Sponsoren, die uns seit Jahren treu bleiben.

Und ich bedanke mich bei Ihnen, die Sie Jahr für Jahr hierher kommen und den Preisträgern und den Nominierten die Ehre erweisen. Verehrte Damen und verehrte Herren, wir sind aufrichtig stolz, dass Sie hier.

Ich wünsche Ihnen einen spannenden Abend und – das muss auch in diesem Jahr unbedingt wieder sein – viel Spaß.